Christian Mürner, Volker Schönwiese (Hrsg.) Das Bildnis eines behinderten Mannes.


Christian Mürner, Volker Schönwiese (Hrsg.) Das Bildnis eines behinderten Mannes.

Artikel-Nr.: M 197
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Das Bildnis eines behinderten Mannes.
Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert.
Ausstellungskatalog und Wörterbuch
AG SPAK Bücher, Neu Ulm 2006 ISBN 3-930830-81-7

Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung zum Forschungsprojekt „Das Bildnis eines behinderten Mannes“ Petra Flieger, Volker Schönwiese Geleitwort - Alfred Auer
Der behinderte Mann von Schloss Ambras Margot Rauch
Einleitung zur Ausstellung Christian Mürner, Margot Rauch, Anna Reiter, Christine Riegler
Ausstellungskatalog
Wörterbuch
Abkürzungsverzeichnis der AutorInnen
Abbildungsnachweis

„Man muss den Blick verändern, mit dem man es betrachtet, nicht das Werk”, notierte der französische Künstler Jean Dubuffet um 1980. Die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten von KünstlerInnen mit Behinderung regen die BesucherInnen dazu an, den eigenen Blick auf Behinderung zu reflektieren.

Kunst als Ausdrucksform, als Mittel zur Verdeutlichung, auf welche Weise gesellschaftliche Vorurteile und konstruierte Norm- und Wertvorstellungen – in diesem Fall Blicke auf behinderte Frauen und auf behinderte Männer – wirksam sind. Aber auch der umgekehrte Blick, nämlich der der Menschen mit Behinderung auf die Welt wird thematisiert.

Die Bruchlandungen des Martin Bruch sind Fotografien, die der Künstler unmittelbar nach einem Sturz machte, wenn er aufgrund seiner Multiplen Sklerose das Gleichgewicht verlor. Die Innsbrucker Künstlerin Karin Flatz und der Innsbrucker Künstler Georg Urban setzten sich in unterschiedlicher Weise – gegenständlich und gegenstandslos – mit den Leitgedanken auseinander. Der in New York lebende Schweizer Künstler Hans Witschi beschäftigte sich bildnerisch anhand eines Therapeutenfotos mit dem

Thema „Der Maler und sein Bild”. Für die Hamburger Ateliergemeinschaft „Die Schlumper”, zu denen u. a. Uwe Bender, Horst Wäßle und Bernhard Krebs gehören, ist das Malen Beruf und Berufung zugleich, sie gestalten neben ihrer eigenen Malerei auch Bühnenbilder, Plattencovers oder Porträts auf Wunsch. Die schau / show, eine Videoinstallation der Innsbrucker Filmemacherin Monika Zanolin, spielt und provoziert mit dem Leitgedanken der Blicke und der Geist-Körper-Dualität. Eine bunte LKW-Plane, gemalt von Dominik Huber aus dem oberösterreichischen Tumeltsam, ist gewissermaßen als „begehbares“ Bild in

der Ausstellung, denn sonst ist sie unterwegs durch Europa.

Durch das Zusammenstellen dieser unterschiedlichen Positionen verdeutlicht die Ausstellung den Wandel der Betrachtungsweisen in Bezug auf Behinderung und Menschen mit Behinderung. Die Veränderung besteht darin, dass man/frau vom Sammlungsobjekt zum Dokument der Existenz, von der medizinischen

Diagnose zur kulturellen Bedeutung, von der Fürsorge zur Teilhabe, von der Fremdbestimmung zur Aufmerksamkeit für Autonomie wechselt.

 

Rezension

In: Fachdienst der Lebenshilfe, 2, Juni 2007

Das Bild mit dem behinderten Mann wird als Mitleid im Museum dargestellt", sagte Monika Rauchberger. Sie ist Beraterin bei people first von Selbstbestimmt Leben Innsbruck. Monika Rauchberger fügte hinzu: „Der Mann liegt auf dem Teppich komplett nackt, dabei will er seine Behinderung zeigen. Wie er sich nicht gut be­wegen kann, weil er hat am Hals eine Krause ... Wenn die fremden Leute in das Museum gehen, dann sollen sie auch über seine Behinderung einmal nachdenken, was heißt behindert sein und diese Sache ihnen dabei klarer werden. Er will so angesehen werden, wie er auf dem Teppich nackt dort liegt. Das heißt für ihn, er will mit seiner Behinderung auch anerkannt werden und will nicht als Mitleid dargestellt werden"

Monika Rauchberger beschäftigte sich im Rahmen ei­nes transdisziplinären Forschungsprojekts, das vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wis­senschaft und Kultur unterstützt wurde, mit dem „Bild­nis eines behinderten Mannes". Das „Bildnis eines be­hinderten Mannes" hängt seit dem 16. Jahrhundert im Schloss Ambras bei Innsbruck, aber es ist bisher nicht gelungen, den Namen der dargestellten Person festzu­stellen. Das Forschungsprojekt, in dem das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, das Kunsthistorische Museum Wien - Sammlung Schloss Ambras sowie Selbstbestimmt Leben Innsbruck zusammengearbeitet haben, widmete sich die letzten zwei Jahre der Analyse und dem Kontext des „Bildnis­ses eines behinderten Mannes". Eine Ausstellung auf

Schloss Ambras (bis 30. Juni 2007) präsentiert erste Ergebnisse dieses Forschungsprojekts.

Schloss Ambras bei Innsbruck beherbergt die berühm­te Kunst- und Wunderkammer des Erzherzogs Ferdi­nand Il. von Tirol. Die Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts waren umfassende Sammlungen mit aus­gestopften Tieren, Knochen, Steinen, Waffen und Werk­zeugen, Gefäßen, Kleinskulpturen und Porträts. Es wurde allerdings nicht alles gesammelt, es musste schon bemerkenswert sein. Gewöhnliche Körper und Perso­nen galten kaum als bildwürdig. Ein Erwachsener mit Behinderung oder einer Besonderheit wurde an den Fürstenhöfen herumgereicht. Er galt als „Wunder­mensch". Zählte der Mann auf dem genannten Bildnis auch dazu? War er ein „Fürst mit Behinderung"? Wir wissen es nicht. Das Original wurde in Wien fachkun­dig untersucht und restauriert. Leider fanden sich kei­ne direkten Hinweise auf die dargestellte Person oder den Maler. Historisch wird das Bildnis erstmals in ei­nem Inventar von 1666 beschrieben. Die markante rote Kappe wurde dabei erwähnt, die Hauptperson jedoch offensichtlich mit dem armlosen, aber ähnlich ausse­henden Kunstschreiber Thomas Schweicker von Schwä­bisch Hall verwechselt.

Früher wurde der Körper des Mannes mit einem roten Papier abgedeckt, daraus ergaben sich die Stellen der Beschädigung über dem Rücken in der Mitte des Bild­nisses. Ende des 18. Jahrhunderts betitelte man das Bild als „Missgeburt eines Mannes". In den 1970er-Jahre charakterisierte man den behinderten Mann auf dem damals noch „Bildnis eines Krüppels" genannten Por­trät als „bedauernswert". In einem Bildband zu „Kurio­sitätenlcabinetten" von 2002 bezeichnet man ihn in Bezug auf eine Quelle aus dem 17. Jahrhundert als „fürchterlich entstellt". Diese zwei Publikationen sind die einzigen, die das Bildnis überhaupt reproduzieren.

Das „Bildnis eines behinderten Mannes" wirft also vie­le Fragen auf: Welche Rolle hatten behinderte Frauen und Männer im 16. Jahrhundert? Welche Blicke wur­den damals auf sie gerichtet? Und: Sind die Blicke auf behinderte Personen heute anders? Wie wollen behin­derte Personen sich selbst sehen und darstellen?

Die Ausstellung in Schloss Ambras nähert sich spiele­risch, lehrreich, historisch und künstlerisch dem Um­gang mit Bildern von Behinderung. Bekannte zeitge­nössische Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung haben sich wie Monika Rauchberger mit dem Bildnis auseinandergesetzt, beteiligt sind u. a. Martin Bruch, Hall; Karin Flatz und Georg Urban, Innsbruck; Hans Witschi, Zürich/New York; Die Schlumper, Hamburg. Durch das Gegenüber- und In-Frage-Stellen unterschied­licher Blicke verdeutlicht die Ausstellung den Wandel der Betrachtungsweise von Menschen mit Behinderung:

vom Sammlungsobjekt zum Dokument der Existenz, von der medizinischen Diagnose zur kulturellen Bedeu­tung, von der Fürsorge zur Selbstbestimmung.

Ausstellung „Das Bildnis eines behinderten Mannes" - Blicke, Ansichten, Analysen. Kunsthistorisches Mu­seum Schloss Ambras, Innsbruck, bis 30. Juni 2007 Der gleichnamige Katalog ist erschienen bei AG SPAK, Neu-Ulm 2006, 96 Seiten, zahlreiche farbige Abbildun­gen, 9,90 Euro, ISBN 3-930830-81-7.

 
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