Trudi und Heinz Schulze (Hg): Zukunftswerkstatt Kontinent


Trudi und Heinz Schulze (Hg): Zukunftswerkstatt Kontinent

Artikel-Nr.: M 091
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Abstract
Im vorliegenden Band werden der theoretischen Rahmen der "Pädagogik der Befreiung" und die damit verknüpften praktischen Erfahrungen dargestellt. Themenschwerpunkte: Bildungsarbeit mit Frauen; Erziehung zum Frieden; Menschenrechte; Gesundheitsbewegung und ökologische Bildungsarbeit.

Vorwort
Die Volkserziehung ist keine neue Erscheinung in Lateinamerika. Es gibt sie seit der Zeit, in der die Volkssektoren, die Arbeiter, Bauern und indigenen Völker unserer Länder begonnen haben, bewußt nach Organisationsformen zu suchen, um ihre Interessen zu vertreten. Mit dem Auftreten der Arbeiterbewegung in unseren Ländern Ende des vorigen Jahrhunderts entstanden beispielsweise auch Gewerkschaftsschulen, Arbeiter-Kulturzentren, Literaturzirkel, Arbeiterzeitungen, etc. Volkserziehung entstand also als notwendiger Bestandteil von Volksorganisation; sie wurde zu einem Faktor, der diese Organisation stärken und das Bewußtsein, die Analyse- und Ausdrucksfähigkeiten der Arbeiterschaft fördern sollte.
In den letzten zwei Jahrzehnten wurde die Volkserziehung immer wichtiger und differenzierter. Die Erfahrungen mit ihr vervielfachten und vervielfältigten sich auf dem ganzen Kontinent. Diese Entwicklung hängt mit dem Entstehen neuer sozialer Sektoren und Bewegungen zusammen und gehört zur neuen geschichtlichen Phase, in der die Bevölkerung auf die kapitalistischen Modernisierungsformen antwortet.
So werden tausendfach Erfahrungen mit Alphabetisierung gemacht, beispielsweise mit gewerkschaftlicher Bildung und in der Erziehungsarbeit mit BewohnerInnen und Bewohnern der Armenviertel. Bildungszentren für Frauen, für Bauern, für Jugendliche werden gegründet; Erziehungs- und Bildungsarbeit zur Verteidigung der Menschenrechte entwickelt sich; Theaterprojekte, Zeitungen, Radioprogramme, Comics entstehen.
Heute können wir nicht mehr von der Volkserziehung in Lateinamerika sprechen und damit einen einheitlichen Prozeß meinen. Ihre Rolle und ihre Merkmale werden vielmehr durch die konkreten sozialen und politischen Bedingungen definiert, in denen sie stattfindet. So führt der Kampf gegen die chilenische Diktatur oder der Eintritt in die nach-diktatoriale politische Szene Brasiliens, Uruguays und Argentiniens zu völlig anderen Erfahrungen als sie im revolutionären Nicaragua gemacht werden; oder in EI Salvador, wo Krieg herrscht.
Was in allen Fällen gleichbleibt, ist die grundlegende Absicht, die Entschlossenheit ein wichtiger Faktor zu sein für die soziale Veränderung und dafür, daß das organisierte Volk schöpferisches Subjekt der Geschichte und sein eigener Befreier wird. Der Einsatz dafür, daß es tatsächlich die armen Mehrheiten sein können und werden, die in unseren Ländern das Sagen haben, drückt allem den Stempel auf, was man unter dem Begriff Volkserziehung zusammenfaßt.
Heute stellen sich für die Volkserziehung vorrangig zwei Aufgaben. Zum einen muß die Frage nach den theoretischen und methodologischen Perspektiven der Volkserziehung weitervertieft und beantwortet werden, wobei es in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte gab. Die ungeheure Menge unterschiedlichster Praxiserfahrungen muß systematisiert und es muß kritisch analysiert werden, ob und inwieweit die jeweilige Praxis die bestmögliche im jeweiligen geschichtlichen Kontext ist.
Zum anderen müssen es die Volksorganisationen selbst sein, die verantwortlich sind für die Volkserziehung. Die Einrichtungen, die heute noch diese Verantwortung hauptsächlich auf sich konzentrieren, müssen diesen Zustand ändern und hinfinden zu einer Unterstützerrolle für die Erziehungs- und Bildungsgremien der Volksorganisationen. Dazu bedarf es vermehrter Anstrengungen, damit die Organisationen wirklich in der Lage sind, autonom Untersuchungen durchzuführen, Bildungsprogramme aufzustellen, Projekte zu organisieren und geeignetes Lernmaterial herzustellen
Die hier vorgelegte Publikation ist von großer Bedeutung, weil sie die verschiedenen Vorstellungen und Positionen aufgreift, die gegenwärtig in Lateinamerika diskutiert werden. Die Auseinandersetzungen, die Fortschritte und das Überdenken basieren auf unserer Praxis, die nach immer besseren Antworten auf die Herausforderungen sucht, die unsere Lebenssituation uns stellt.
Aus unserer Sicht ist dieses Buch auch deshalb wichtig, weil es den kritischen und konstruktiven Dialog mit den verschiedenen Ansätzen in der Bundesrepublik Deutschland vertiefen und bereichern wird. Dieser Dialog wurde dank dem lebendigen Engagement möglich, das Trudi und Heinz Schulze dem Abenteuer Volkserziehung sowohl in Lateinamerika als auch in Deutschland widmen.
Wir sind davon überzeugt, daß die vorliegende Veröffentlichung den Dialog zwischen unseren Ländern und Kontinenten beleben und befruchten wird, und hoffen, daß sich dies in beiden Teilen der Welt in unserer Arbeit als Volkserzieher und Volkserzieherinnen widerspiegelt im gemeinsamen Bemühen um eine gerechtere, menschlichere, brüderlich-schwesterliche und solidarische Welt.
San Jose, Costa Rica, Oscar Jara Holliday

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Theorieteil / Was ist Volkserziehung? / Volkserziehung und Paulo Freire Neues von Freire: eine Rede und ein Interview / Theoriediskussion / Adriana Puiggros: Diskussionen und Tendenzen in der lateinamerikanischen Volkserziehung / Vera Gianotten/Ton de Witt: Linke Bankierserziehung und Unzulänglichkeiten in der Volkserziehung / 20 Jahre Volkserziehung - Weiterentwicklung von Theorie und Selbstverständnis / Oscar Jara: Die politische Dimension in der Volkserziehung / Carlos Nunez: Erziehen zum Verändern - Verändern zum Erziehen/
Methodologie / Was ist Methodologie? / Beispiele für methodisch befreiendes Arbeiten / Unsere Praxis soll verändernd wirken / Kennen wir die Wahrheit unseres Viertels? / Frauen und Gesundheit in Santo Domingo / Panama und die Probleme auf dem Land / Wie entwickeln wir ein Programm zur Volkserziehung? / Befreiende Methodologie in Nicaragua
Länderberichte / Heinz Peter Gerhardt: Volkserziehung in Brasilien: Geschichte - Gegenwart - Zukunft / Erwachsenenbildung in Kuba / Volkserziehung in der Diktatur in Chile
Die Zentren der Volkserziehung
Gegen Dogmen und Doktrinen / Zur Rolle der Kirchen in der Volkserziehung / Politische Parteien und Volkserziehung / Volkserziehung und Gewerkschaftsarbeit
Praxisbeispiele / Beispiele aus der Volkserziehungsarbeit mit Frauen / Was sind wir Frauen wert? / Überlegungen zur Volkserziehung von Frauen... / Die Frauen in der Dorfgemeinschaft / Promotionsarbeit mit Campesina-Frauen in Piura / Kämpferische Frauenvorbilder / Arbeiterinnenbildung / Die Radiofrauen / Es bleibt viel zu tun - Frauenarbeit in Chile / Alphabetisierungsarbeit / Das ist unsere Geschichte / Cantimplora - Nicaragua / Rebellionen / Die Volksbüchereien / Landbüchereien in den Anden / Volksbüchereien in den peruanischen Elendsvierteln / Menschenrechte und Volkserziehung / Erziehung für den Frieden / Basiscomics in der Volkserziehung / Volkstheater und Volkserziehung
Ergänzende Literatur

HerausgeberInnen
Trudi Schulze-Vogel, geboren 1945. Lehre als Verlagskauffrau, Studium der Sozialpädagogik in München. Von 1972-1975 "Entwicklungsarbeit" in Peru (ländliche Erwachsenenbildung). Langjährige Tätigkeit im Sozialpolitischen Verlag der AG SPAK (Lektorat, Geschäftsführung), Lehraufträge zu Fragen der Erwachsenenbildung (Methodenfragen), z.B. GHS Kassel, langjährige außerschulische Bildungsarbeit zu Nord-Süd-Fragen und Solidaritätsarbeit zu Lateinamerika. Mitarbeit an Publikationen über kulturelle, soziale und pädagogische Themen Lateinamerikas. Derzeit Geschäftsführerin des Nord-Süd-Forum München e.V.
Heinz Schulze, geh. 1943. Lehre als Rechtsanwalts- und Notarsgehilfe, Sanitätsdienst, Studium der Sozialpädagogik. Tätigkeit in der außerschulischen Jugendarbeit, der Gemeinwesenarbeit in der Obdachlosenarbeit in München. Von 1972-1975 im Rahmen der "Entwicklungshilfe" in der ländlichen Bildungsarbeit in Peru tätig. Langjährige Mitarbeit (Geschäftsführung, Bildungsreferent) in der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise, München. Beratung von Bürgerinitiativen, Seminararbeit, Lehraufträge (Methoden der Bildungsarbeit), Aufsätze und Publikationen (z.B. Sozialarbeit in Lateinamerika, befreiende Pädagogik). Solidaritätsarbeit spez. zu Peru, derzeit ehrenamtliche Geschäftsführung der Paulo Freire Gesellschaft und Tätigkeit in der Arbeitsstelle "Pädagogik der Hoffnung" (München).

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