Maria Bitzan, Tilo Klöck: "Wer streitet denn mit Aschenputtel?"


Maria Bitzan, Tilo Klöck: "Wer streitet denn mit Aschenputtel?"

Artikel-Nr.: M 108
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Abstract
Ausgehend von Studien zur Kooperationsstruktur und Konfliktorientierung, zu frauenspezifischen Handlungskonzepten und instutionellen Rahmenbedingungen entwickeln die AutorInnen Orientierungshilfen für eine innovative Praxis. Sie wenden sich gegen die Enpolitisierung sozialer Probleme und plädieren für beweußte Konfliktstrategien und eine konsequente Geschlechterdifferenzierung in Problemdeutung, Handlungsansatz und Zielperspektive.

Vorwort
Erwachsen aus langjähriger Arbeit in der wissenschaftlichen Begleitung von gemeinwesenorientierten Projekten der Sozialen Arbeit, zielt die Arbeit von Maria Bitzan und Tilo Klöck auf eine Reinterpretation, auf ein neues Konzept politisch verstandener Gemeinwesenarbeit. Mit diesem Vorhaben beharren die Autoren auf dem alten Selbstanspruch der Gemeinwesenarbeit - und sie tun dies gleichsam gegen den Zug der Zeit.
In den 70er Jahren waren Projekte und Diskussionen zur Gemeinwesenarbeit ein zentrales Thema innerhalb der Sozialen Arbeit. Nach dem Fanal, der Schließung des Viktor-Gollancz-Institut, dem Flaggschiff der Gemeinwesenarbeitsdiskussion, und in der sich zunehmend entpolitisierenden gesellschaftlichen und sozialpolitischen Diskussion, gerieten Projekte und die fachliche Auseinandersetzung mit der Gemeinwesenarbeit an den Rand. - Gleichzeitig jedoch wurde ein zentraler Strukturaspekt des Konzepts Soziale Arbeit als Organisation regional und lokal vernetzter Leistungsstrukturen - unter neuen Titeln neu und zunehmend intensiver verhandelt, unter den Titeln Stadtteilarbeit, Milieuarbeit, Ressourcenarbeit, lebensweltorientierte Arbeit. Diese neuen Konzepte verallgemeinern den Gemeinwesenansatz; sie geraten aber -jedenfalls im main stream von Praxis und Diskussion -in Gefahr, daß sich die politisch-sozialpolitischen Intentionen der alten Gemeinwesenarbeit verlieren: Spezifische Arbeit in sozialen Brennpunkten und der Anspruch, daß Stadtteile und ihre BewohnerInnen zu einem artikulierten politischen Selbstverständnis finden.
In dieser Situation ist es provozierend und notwendig, auf einem politischen Ansatz von Gemeinwesenarbeit zu beharren. Es bliebe jedoch ineffektiv, wenn es nicht gelänge, den Anspruch für die neuen, gesellschaftlich gewandelten Bedingungen neu auszulegen und zu konkretisieren.
In einer Gesellschaft, die als Zweidrittel-Eindrittel-Gesellschaft ebenso durch die Differenz zwischen arm und reich wie durch Pluralisierung und Individualisierung der Lehensstrukturen charakterisiert ist, in der die Aufgaben der Lebensbewältigung im Alltag zunehmend anstrengender werden, kann Politisierung nicht nur - im gleichsam traditionellen Schema - auf Öffentlichkeit und die Skandalisierung gegebener Zustände hinzielen. Politisierung meint - so übernehmen die Autoren Ansätze vor allem aus den sozialen Bewegungen und aus der Frauenbewegung - die Frage nach Gestaltungsräumen in der Lebenswelt der Betroffenen, nach Gestaltungsräumen, die Offenheiten, Optionen und Chancen zu eigener, selbstbestimmten Verhältnissen bietet. - Die Hoffnung aber auf solche Gestaltungsmöglichkeiten verweist auf gesellschaftliche Antagonismen, Widersprüche; die Autoren thematisieren zum einen, daß Lebensbewältigung sich immer auch in Auseinandersetzungen und Kämpfen, in Konflikten, vollzieht und zum anderen, daß Männer und Frauen mit unterschiedlich geprägten Lebenserfahrungen und Lebensplänen leben.
Die Darstellung von Konflikterfahrungen und die Darstellung des weiblichen Gemeinwesens bilden die Mitte der vorliegenden Arbeit.
Die Arbeit entwirft ein sehr differenziertes und detailiertes Panorama zur Kooperations- und Konfliktstruktur, wie sie sich im Gemeinwesen auf den unterschiedlichsten Ebenen der Arbeit in der Institution, zwischen Institutionen, zwischen Institutionen und Ehrenamtlichen und hin zur Öffentlichkeit darstellen. Die Darstellung akzentuiert dabei vor allem Probleme der latent gehaltenen Konflikte und der vielfältig praktizierten Vermeidungsstrategien; die oft so wenig befriedigenden "ungekonnten" Erfahrungen im Umgang mit Konflikten werden betont und mit dem nach Mathiesen dargestellten Konzept der Entwicklung von Gegenmacht konfrontiert. Gegenstrategien, Partizipation und Transparenz sind die Ansätze, um Konflikte als Lernansatz und Lernprozeß fruchtbar werden zu lassen.
Die Arbeit zielt darauf, daß vor allem Frauen die Adressantinnen von gemeinwesenorientierten Projekten sind und kritisiert, daß Frauen gegen den Eigensinn ihrer Lebensentwürfe in ihrer Mutter- und Familienpflicht in Dienst genommen werden, wie es in der Sozialen Arbeit immer noch weithin selbstverständlich praktiziert wird. Die Arbeit macht deutlich, wie geschlechtsspezifisch unterschiedlich, also für Frauen anders als für Männer, Gemeinwesen in seiner lokalen Struktur, in seinen Problemen von Isolation und seinen Chancen zur Kooperation und Kommunikation sich darstellt.
Im Durchgang durch die vielfältigen Erörterungen wird u.a. auch deutlich, wie heikel das Verhältnis von professionellem Selbstverständnis und sozialpolitischem Engagement in der Arbeit ist; die professionellen Strategien zur Konfliktvermeidung, zur Individualisierung und Verfachlichung von Konflikten und Spannungen ebenso wie zur Pazifizierung in der Auseinandersetzung lassen sich, so die Autoren, nur aufbrechen, wenn Kontakte zur sozialen Bewegung und zur Frauenbewegung über die Soziale Arbeit hinaus gesucht und für sie fruchtbar gemacht werden.
Vor dem Hintergrund der in der Tendenz gleichen, aber im Konkreten höchst unterschiedlichen Projekte, die untersucht werden, vor dem Unterschied also von sehr vielfältigen Konzeptentwicklungen, Beratungen und Evaluationen gelingt es den Autoren, die Tragweite ihres Konzepts konkret und anschaulich deutlich zu machen. Mir scheint ein besonderer Verdienst der Arbeit, daß diese konkreten Analysen im Zusammenhang sehr unterschiedlicher Rahmenbedingungen dazu auffordern, auch in anderen Projekten den jeweils konkreten Zusammenhang zu analysieren und je spezifische Arbeitskonzepte zu entwickeln; es geht nicht um Entwürfe und Rezepte, sondern um die Ermutigung zu Entwicklungen, die vor dem Hintergrund allgemeiner Orientierungen den jeweils konkreten Bedingungen gerecht werden können.
Schließlich: Die vorliegende Arbeit provoziert nicht nur dazu, die Gemeinwesenarbeitsdiskussion wieder zu intensivieren; sie scheint mir interessant auch für die allgemeine sozialpädagogische Diskussion. Daß die Verbindung zwischen sozialen Bewegungen und sozialer Arbeit defizitär ist, wird vielseitig moniert; die vorliegende Arbeit gibt Hinweise und Materialien zu Möglichkeiten eines wieder intensiveren Wechselbezugs. Indem die Arbeit die Strukturkonzepte der regional und lokal vernetzten sozialen Arbeit konkretisiert, ist sie ein gewichtiger Beitrag auch zur Weiterentwicklung dieser Konzepte überhaupt. Lebenswelt wird deutlich in ihrer konfliktbestimmenden Struktur und den geschlechtsspezifisch bedingten Differenzierungen und Antagonismen.
Gewichtig scheint mir nicht zuletzt auch der darinliegende Beitrag zu einer Konkretisierung der Frage, was Politisierung innerhalb der Sozialpädagogik bedeuten kann.
Tübingen, im Januar 1993 Hans Thiersch

Inhaltsverzeichnis
Vorwort / Vorbemerkung / Einführung / Politisierende Sozialarbeit / Übersicht
1. Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenzierung in der Gemeinwesenarbeit als Chance zur Politisierung sozialer Arbeit / 1.1 Grundlagen zur Politisierung sozialer Arbeit /1.1.1 Neue Herausforderungen an soziale Arbeit /1.1.2 Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Geschlechterpolitik die vernachlässigten Dimensionen der Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenzierung / 1.2 Politikbezug der Gemeinwesenarbeit / 1.2.1 Doppelfunktion der Gemeinwesenarbeit 1.2.2 Krisenbezüge der Gemeinwesenarbeit . / 1.2.3 Organisationsinteressen und die Relevanz der neuen sozialen Bewegungen / 1.2.4 Zusammenfassung / 1.3 Erkenntnisinteressen und Untersuchungsperspektiven
2. Ausgangspunkt: Förderprogramm Gemeinwesenorientierte Jugendhilfe / 2.1 Implikationen des Förderprogramms 2.2 Wissenschaftliche Begleitung . / 2.3 Erprobungsprojekte ./ 2.3.1 Mobile Jugendarbeit im Stadtteil 'Weißes Bild' in Biberach / 2.3.2 Mädchenberatung in Verbindung mit der Schulsozialarbeit an der hauswirtschaftlichen Berufsschule Stöckach Mädchentreff für ausländische und deutsche Mädchen in Stuttgart . / 2.3.3 Gemeinwesenbezogene Arbeit des Sozialen Dienstes im Stadtteil "Geflügelhof' in Kirchheim/Teck / 2.3.4 Gemeinwesenorientierte Sozialarbeit in Ludwigsburg-Eglosheim / 2.3.5 Gemeinwesenbezogene Jugendhilfe im ländlichen Raum in Kirchentellinsfurt
3. Konfliktorientierung als sozialpolitische Handlungskompetenz / 3.1 Stellenwert des Konflikts und der Konfliktorientierung / 3. 1.1 Kontroversen über Konfliktorientierung (Problemskizze) / 3.1.2 Konflikttheoretische Positionen . Systemgleichgewicht durch Konflikt Konfliktualität aller Gesellschaft / Kritik am Konfliktreduktionismus / Lernbedeutung des Konflikts / 3.1.3 Stellenwert des Konflikts in verschiedenen / Konzepten von Gemeinwesenarbeit / 3.1.4 Zusammenfassung / 3.2 Konfliktanalysen und Konfliktstrategien als Grundelemente einer sozialpolitischen Handlungskompetenz / 3.2.1 Grundzüge der Konfliktanalyse Konfliktkonstellationen und Konfliktsymmetrie Differenzierung von Konflikt-AkteurInnen / Konfliktstadien und Konfliktmechanismen Konfliktattitüden und Konfliktverhalten / Fragen zur Evaluation in Konfliktfeldern / 3.2.2 Differenzierung von Konfliktstrategien / Konfliktsteuerung, Konfliktkontrolle und Konfliktlösung Verdrängung und Kanalisierung von Konflikten / Konfliktabsorbierende korporative Organisationsmuster / Konfliktregulierung durch Verhandlungen / Assoziative und dissoziative Konfliktstrategien/ Strategien zur Symmetrisierung von Konflikten / Aktivierung von BürgerInnen . Formierung der lokalen Fachbasis / Organisation von Allianzen zur Einmischung und Behelligung des Gemeinwesens / 3.3 Empirische Studien zur Kooperations- und Kontliktstruktur / 3.3.1 Konfliktorientierung in der Problemanalyse /  3.3.2 Konflikte bei der Öffentlichkeitsarbeit / 3.3.3 Konfliktorientierung bei der Problembearbeitung / Konflikte in der trägerübergreifenden Kooperation / Konflikte im Zusammenwirken mit Ehrenamtlichen aus Kirchengemeinden, Vereinen und Initiativen / Konflikte im Binnenverhältnis / 3.3.4 Probleme, Defizite und Perspektiven strategischen Handelns in örtlichen Konfliktstrukturen / 3.4 Entwicklungsperspektiven für sozialpolitische Handlungskompetenz / 3.4.1 Stellenwert neuer sozialer Bewegungen / 3.4.2 Herstellung von Gegenmacht / 3.4.3 Ringen um Öffentlichkeit und Definitionsmacht / 3.4.4 Zwischen Funktionalisierung und Ausgrenzung / 3.4.5 Strategien zur Erlangung von Gegenmacht / Ausbruch aus der Arena / Umkehr des Informationsflusses / Konstruktionsbedingungen von Gegenmacht /3.5 Intensivierung von Kooperation in Konkurrenzsituationen Zusammenfassung.
4. Frauen in der Gemeinwesenarbeit - Geschlechterdifferenzierung als Grundorientierung gemeinwesenbezogener Handlungskompetenz / 4.1 Theoretische Grundlagen zur geschlechtsspezifischen Sozialarbeit mit Frauen und Mädchen / 4.1.1 Weiblicher Lebenszusammenhang / 4.1.2 Weibliche Armut und soziale Arbeit / 4.1.3 Impulse aus der neuen Frauenbewegung / 4.2 Geschlechterdifferenzierung in Theorie und Praxis der Gemeinwesenarbeit 4.2.1 Theorieentwicklung / 4.2.2 Frauenbildungsarbeit in sozialen Brennpunkten / 4.3 Das weibliche Gemeinwesen - Die Lebenssituation armer Frauen in sozialen Brennpunkten / 4.3.1 Wohnen und Arbeit / 4.3.2 Mutterschaft / 4.3.3 Soziale Beziehungen und Öffentlichkeit / 4.3.4 Ausblick: Lebenswelt, Lebenslage und soziale Arbeit / 4.4 Studien zu veränderten Wahmehmungsprozessen oder: wie entsteht ein frauenspezifischer Ansatz? / 4.5 Frauen- und mädchenspezifische Zielgruppenarbeit in den Erprobungsprojekten / 4.5.1 Projekterfahrungen / 4.5.2 Neue Inhalte: neue Erfahrungen - Auswertung / 4.6 In Widersprüchen arbeiten - zum Handlungskonzept frauenbezogener Zielgruppenarbeit / 4.6.1 Lebensweltorientierung / 4.6.2 Parteilichkeit / 4.6.3 Integrierte Beratungs- und Bildungsarbeit / Wider die Stigmatisierung - der integrierte Beratungsansatz / Wider die Fallen der Wirklichkeit - Beziehungsarbeit zwischen Mütterlichkeit und institutioneller Macht / Wider die Vereinzelung - Frauengruppen / Wider die (sozial-)politische Ausgrenzung -Partizipation, Verantwortung und Öffentlichkeit / 4.7 Handlungsspielräume und institutionelle Konfliktfelder / 4.7.1 Projekterfahrungen / 4.7.2 Parteiliche Frauen- und Mädchenarbeit im institutionellen Rahmen / 4.8 Orientierungen für feministische Theorie und Praxis in der Gemeinwesenarbeit - Zusammenfassung
5. Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenzierung: Maximen kritischer Praxis / 5.1 Macht und Ohnmacht: / Konflikttheoretische Grundannahmen und das Geschlechterverhältnis / 5.2 Neue Anforderungen an Professionalität / 5.2.1 Verändertes fachliches Selbstverständnis / 5.2.2 Konfliktfähigkeit ./ 5.2.3 Entwicklungsbedarf / 5.3 Sozialpolitische Handlungskompetenz / 5.3.1 Personale Handlungskompetenz / 5.3.2 Organisatorische und institutionelle Bedingungen / 5.4 Zusammenwirken mit neuen sozialen Bewegungen
6. Für eine Politik des Sozialen - Zusammenfassung / Literatur

AutorInnen
Maria Bitzan, Dr., langjährige Mitarbeiterin in einem Soziokulturprojekt, 10 Jahre Mitarbeit im Frauencafe, wissenschaftliche Begleitung von Erprobungsprojekten des Landeswohlfahrtsverbandes Württemberg-Hohenzollern in der gemeinwesenorientierten Jugendhilfe, ist Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung für Sozialpädagogik der Universität Tübingen.
Tilo Klöck, Dr., ehemaliger Mitarbeiter eines soziokulturellen Projekts, wissenschaftliche Begleitung von gemeinwesenorientierten Erprobungsprojekten in der Jugendhilfe des Landeswohlfahrtsverbandes Württemberg-Hohenzollern, ist Dozent im Burckhardthaus, Evangelisches Fortbildungsinstitut für Jugend- und Sozialarbeit in Gelnhausen

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