Ulrich Klemm: Lernen ohne Schule


Ulrich Klemm: Lernen ohne Schule

Artikel-Nr.: M 146
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Abstract
Ausgangspunkt dieser Analyse ist die These, daß der Wechsel von der Arbeitsgesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft gekoppelt ist mit einem deutlichen Wandel der Bildungspolitik und Bildungsstruktur. Neue Leitideen wie lebenslanges, informelles, selbstorganisiertes und globales Lernen werden vor allem in den Industriestaaten des Nordens zu einer Entschulung und Entinstitutionalisierung der Lernkultur führen. Für Deutschland kommt dieser Wandel einem Paradigmenwechsel in der Bildungs- und Schulkultur gleich.
Der Band bietet Thesen zum Wechsel von der Schulpflicht zur Bildungspflicht, plädiert für eine Demokratisierung der Bildungskultur und argumentiert für eine Entschulung der Gesellschaft. Eingerahmt wird die Analyse von der Utopie einer entschulten Gesellschaft, wie sie William Morris Ende des 19. Jahrhunderts entwarf und einer konkreten Initiative in Österreich, bei der Kinder und Jugendliche heute entschult, d.h. ohne Schule groß werden und lerne

Vorwort
Es geht im folgenden nicht – um einem weit verbreiteten Mißverständnis beim Thema Entschulung bereits zu Beginn vorzubeugen – um die Abschaffung oder Infragestellung von Lernen und Bildung für Kinder und Jugendliche. Es geht auch nicht um eine Entlassung der Eltern aus ihrer Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder und es geht nicht um eine Liberalisierung des Bildungswesens im Sinne frühkapitalistischer Ordnungsstrukturen oder eines zu schaffenden „Bildungsmarktes", der dem Staat eine Nachtwächterfunktion bei der Bildungsfrage zuspricht.
Im Gegenteil: Bildungs- und Lernchancen für Kinder müssen in Zukunft noch stärker gefördert und individualisiert werden, Eltern sollen zukünftig mehr inhaltliche und finanzielle Freiräume bei der Umsetzung von Bildungs- und Lernchancen erhalten und dem Staat müssen neue Strukturen und Regelungen verschrieben werden, wie er demokratisches und bürgerschaftliches Engagement für Bildung und Lernen fördern und verbessern und „mehr Demokratie" in der Bildungslandschaft umsetzen kann.
Die zentrale These zur Verbesserung der Bildungs- und Schulkultur heißt: „Mehr Demokratie wagen!"
Die Misere unserer Schule und Bildung ist erstens ein strukturelles Problem: Von etwa zehn Millionen Schülern an allgemeinbildenden Schulen – die von 650.000 Lehrern unterrichtet werden – „bleiben" 250.000 junge Menschen „sitzen", d.h. werden als „leichte Schulversager" abgestempelt; 80.000 bis 100.000 Schüler verlassen jährlich die Schule ohne Schulabschluß, 70.000 Schüler bleiben mehr oder weniger regelmäßig der Schule fern und gelten als Schulverweigerer und etwa vier Millionen Menschen gelten in der Bundesrepublik als Analphabeten – Tendenz steigend. Ein zweiter Aspekt der Misere ist der Zusammenhang von Bildung und Herrschaft. Lernen und damit insbesondere auch Schule, ist mit der Ausübung gesellschaftlicher Macht verbunden und unterliegt in besonderer Weise politischen Strukturen und Einflußnahmen. Aus der Sicht der allgemeinen Lernkultur und einer kritischen Lernpsychologie betrachtet, bemerkt der Psychologe Klaus Holzkamp dazu: „Es muß begriffen werden (...), daß man es sich künftig nicht mehr leisten kann, zur Durchsetzung/Erhaltung lokaler Machtstrukturen das Lernen zu reglementieren, die Lernenden in die Defensive zu drängen und damit die für die Lösung unserer Probleme dringend notwendigen geistigen Ressourcen zu verschleudern" (Holzkamp 1996, S.30).
In diesem Sinne geht es um die Kritik an drei Schul-Legenden, die sich seit der Neuzeit hartnäckig gehalten haben und bis heute einen gleichsam absolutistischen Geltungsanspruch besitzen (vgl. auch Blankertz 1996):
Ein nichtstaatlich beaufsichtigtes und kontrolliertes Schul- und Bildungswesen kann keinem modernen Staat ein nachhaltiges und effektives Bildungsniveau sichern. Ohne staatliche Schulpflicht und -aufsicht sowie einem flächendeckenden Staatsschulwesen findet eine Ausgrenzung von Bildungschancen für Randgruppen und Benachteiligte statt.
Schulmäßiges Lernen ist für die Mehrzahl der Menschen der „einzig mögliche Zugang zur Kultur" (vgl. Klemm/Rolff/Tillmann 1985, S.144). In diesem Sinne ist die Schule, und vor allem die Staatsschule mit ihrem Zwangssystem, seit der Aufklärung und in der Folge von Luther und der Reformation zu einer, wie Ivan Illich es nennt, „Heiligen Kuh" (Illich 1979) geworden. Es geht also um den Mythos Schule, um die vielleicht stabilste und erfolgreichste kulturelle Institution des Abendlandes, die in ihren Strukturen extrem resistent gegen Reformen und Veränderungen geblieben ist und als Garant für Fortschritt und Wohlstand seit 400 Jahren gilt. (...)

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung / Die Schul-Utopie von William Morris für das 21. Jahrhundert.
2. Schule und Kritik / Schule als Mythos / Das „Prinzip Schule" und seine Kritik / Radikale Schulkritik in der Diskussion: Entstaatlichung von Schule und Entschulung von Lernen / Exkurs: Schulverweigerung in der Bundesrepublik Deutschland – Ein Kapitel marginalisierter Bildungsrealität.
3. Thesen zur Aktualität entschulter und entstaatlichter Bildung / Erste These: Staatsschule als Herrschaftsinstrument - Zu den historischen
Wurzeln heutiger Bildungspolitik / Zweite These: Globales Lernen
– Wider eine gesellschaftliche Grenzziehung / Dritte These: Bürgergesellschaft als Plädoyer für eine demokratische und partizipatorische Lernkultur / Vierte These: Lebenslanges Lernen bedeutet die Vernetzung getrennter Lernzeiten und Lernorte / Fünfte These: Informelle und beiläufige Bildung – Lernen jenseits von Institutionen / Sechste These: Die neue Sicht des Lernens – Subjektorientierung / Siebte These: Schulpflicht als Menschenrechtsverletzung und rechtsfreier Raum – Oder: „Die Würde des Kindes ist antastbar " / Achte These: Der Rebound-Effekt von Schule.
4. Die Frage nach der Praxis – Oder: Gibt es „entschulte" Kinder?
5. Fazit: Vom Wandel der Lernkultur zur Entschulung der Gesellschaft.
Literatur / Weitere Informationen zum Thema Entschulung und Entstaatlichung von Bildung.

Autor
Dr. Ulrich Klemm, Diplom-Pädagoge, Fachbereichsleiter an der Ulmer Volkshochschule, Lehrbeauftragter für Pädagogik an der Universität Augsburg; Redaktionsmitglied der Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik (ZEP); Veröffentlichungen zur Bildungsgeschichte, Alternativ- und Antipädagogik, Erwachsenenbildung, interkulturellen Pädagogik und Kindheit; ehrenamtliche Tätigkeiten beim Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm und beim Montessori-Förderverein Ulm/Neu-Ulm.

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