K.A. Chausse / N. Preußer / W. Wittich: Wohnhaft


K.A. Chausse / N. Preußer / W. Wittich: Wohnhaft

Artikel-Nr.: M 088
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Abstract
Die Autoren verdeutlichen die Zusammenhänge zwischen dem Zurückschrauben der sozialstaatlichen Sicherungssysteme und der Zunahme von Armut, bringen Beiträge zur Empire der Vereledung und stellen Projekte zukunftsorientierter Sozialpolitik vor.

Vorwort
Strukturelle Veränderungen der Obdachlosigkeit sind Anlaß und Begründung für dieses Buch. Die Instrumente sind Analyse und skandalisierende Beschreibung - über ihre Berechtigung ist wohl kein Wort zu verlieren. in den 80er Jahren hat sich das Bild der Siedlungen verändert. Nicht mehr die Kinder und Jugendlichen kinderreicher Familien bestimmen das Bild, sondern eher junge Menschen, überhaupt Alleinstehende mit erheblichen materiellen und psychosozialen Problemen.
Mit der Massenarbeitslosigkeit haben sich nicht nur die Bewohnerstrukturen gewandelt, auch die Problemstellungen haben sich geändert. Sie überfordern die gegenwärtige Sozialarbeit in den Siedlungen und Unterkünften: Ihr wachsen oft gemeindepsychiatrische Aufgaben zu die nicht ihre Sache sind.
Es geht hier um eine erste Bestandsaufnahme von Wandlungen der Sozial- und Altersstruktur in den Obdachlosensiedlungen, die Norbert Preußer in seinem Nachwort »Empirie einer Subkultur« 1977 bereits ansprach und die nur zum Teil in ihrer Tragweite überschaubar sind.
Auch die neuen sozialpädagogischen Anforderungen der Arbeit im Obdachlosenbereich scheinen nur ansatzweise ersichtlich.
Die Kommunen zeigen sich von der Entwicklung überrascht, Rat und Tat fehlen zumeist. Der Stand kommunaler Obdachlosenpolitik in der Bundesrepublik ist unübersichtlich. Klar wird, daß allgemeingültige Konzepte fehlen oder untauglich sind und die bundespolitische Entwicklung gegen kommunalpolitische Initiativen im Obdachlosenbereich läuft. Dennoch oder vielleicht deswegen behaupten sich in der allgemeinen Ratlosigkeit einzelne Experimente. Genossenschaftliche Projekte konnten eine kleine Nische in Ökonomie und Politik besetzen.
Projekte mit Förderung nach Arbeitsförderungsgesetz (AFG) und Bundessozialhilfegesetz (BSHG) begeben sich oft in den Widerspruch, einerseits marktkonform arbeiten zu müssen und andererseits mildere und gleichberechtigte Arbeitsstrukturen bieten zu wollen.
Zur Gliederung
Die 80er Jahre präsentieren ein neues Bild, Armut hat in großem Ausmaß zugenommen, neue Formen der Ausgrenzung und Abspaltung haben zu einer Verschärfung der Probleme geführt. Hintergrund dieser Entwicklung ist der Umbau des Sozialstaats, die ökonomische Krise und die kommunale Finanzierungsnot. Anke Drygala untersucht Inhalte und Auswirkungen des politischen Wechsels.
Die Befriedungsfunktion der Sozialarbeit wird wieder deutlicher, und sie wird bei zunehmender Verschärfung der Probleme wahrscheinlich repressiver.
Karl August Chasse zeigt, daß sich mit der umfassenden Modernisierung der Reproduktionsstrukturen im Wirtschaftswunder die Lebensweise als auch die sozialen Problemlagen grundlegend verändert haben. Soziale Problemlagen wie Armut und Obdachlosigkeit haben sich durch diese Entwicklung in mancher Hinsicht verschärft, Armut hat ein neues Gesicht erhalten. Der Beitrag zeigt ferner, daß die zunehmende Obdachlosigkeit nur die Spitze eines Eisbergs darstellt, denn Armutsprozesse umgreifen viel breitere Bevölkerungsgruppen.
Die Überlebenstechniken der Armenbevölkerung reduzieren sich durch die gesellschaftliche Entwicklung (Norbert Preußer). Legale Formen der ÜberIebenssicherung werden durch Kommerzialisierung fortschreitend ausgetrocknet; die Grauzone zwischen legaler Subsistenzsicherung und manifester Kriminalität wird kleiner. Anrüchige und kriminelle Praktiken werden an Verbreitung gewinnen....
In Kleinstädten hat Obdachlosigkeit eine besondere Form. Gebhard Angele untersucht die Praxis der Obdachlosenhilfe in Kleinstädten.
Klaus Peter Meier zeigt drastisch die Behandlung, die Obdachlose heute noch erfahren (können). Der Beitrag spekuliert mit seinen aggressiven politischen Formulierungen nicht auf den Beifall der Gelehrtenrepublik, sondern skandalisiert das bundesdeutsche Wohnungselend.
Am Beispiel Regensburg macht Franz Dorner die Entwicklung in den Obdachsiedlungen deutlich. Junge Menschen und Alleinstehende mit erheblichen materiellen und psychosozialen Problemen bestimmen zusehends das Bild der Obdachlosensiedlungen.
Verschiedene Möglichkeiten diese Strukturen aufzubrechen zeigen die folgenden Beiträge. »Betreutes Wohnen« (Birgit Steinberger) kann eine Perspektive aus der Obdachlosigkeit heraus eröffnen.
Auch Wohneigentumserwerb für Obdachlose ist möglich. Anhand von Beispielen schildert Gerd Iben Verläufe von derartigen Vorhaben.
Ähnliche Erfahrungen stellt Eduard Roth mit dem Projekt »Neues Wohnen Saar« vor. Er bringt den Gedanken der Selbsthilfe ein und belebt den alten Gedanken von Genossenschaften.
Seit 1983 gibt es in Hessen erste Maßnahmen eines Landesprogramms zur Sanierung von Obdachlosenunterkünften und »Sozialen Brennpunkten«. Günter Pleiner und Reinhard Thies zeichnen die Entwicklung auf und ziehen eine Zwischenbilanz.
Wie wichtig die Beteiligung der Bewohner bei Sanierungen ist, zeigt der Bericht von Ulrich Severin zur "Bewohnerbeteiligung bei der Stadtteilmodernisierung".
Alternative Ökonomie ist das Zauberwort, das auch Projekte der Obdachlosenarbeit entdeckt haben. Martin Henkel / Eckhard Rohrmann werfen eine Reihe - mit Zündstoff versehener - Fragen auf- Wo sind die Grenzen der Solidarität zu »alternativen« Projekten? Ist das Problem der Institutionalisierung, das »Abhängig-machen« von ABM-, Sozialhilfe- und sonstigen Geldern/Zuschüssen mit ihren Folgen, hohen Fluktuation von Arbeitskräften in den Projekten, wirklich derzeit eine unlösbare Frage? Herrschen in vielen Projekten nicht dieselben Selektionsmechanismen wie auf dem übrigen Arbeitsmarkt? Wie weit tragen die Projekte dazu bei, sog. »unbrauchbare Arbeitskräfte« aus dem Arbeitsmarkt auszusondern? Wird das »Problem« Arbeitslosigkeit durch Aufspaltung der Arbeitslosen in Zielgruppen nicht individualisiert?
Wolfgang Wittich zieht abschließend eine bitterböse Bilanz des »Internationalen Jahres der Obdachlosen«.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Aussichten - Armut hat Zukunft / Anke Drygala: Sozialpolitik in den 80er Jahren /Karl August Chasse: Nach dem Wirtschaftswunder: Armut in den 80er Jahren / Norbert Preußer: Die Zukunft der Armut
Einsichten - Beiträge zur Empirie der Verelendung / Gebhard Angele: Obdachlosigkeit in der Kleinstadt / Klaus-Peter Meier: Wohnqualität von Obdachlosen in Braunschweig / Franz Dorner: Veränderte Bewohnerstrukturen in Obdachlosensiedlungen
Eingriffe - Projekte zukunftsorientierter Sozialpolitik / Birgit-Martina Steinberger: Wohngemeinschaften - Eine Möglichkeit alternativer Wohnungshilfe für Obdachlose? / Gerd Iben: Wohnungsbau mit Selbsthilfe bei sozial benachteiligten Familien / Eduard Roth: Modellprojekt Neues Wohnen Saar der LAG Saar / Günter Pleiner & /Reinhard Thies: Die Entwicklung eines Landesprogramms zur Sanierung von Obdachlosenunterkünften / Ulrich Severin: Bewohnerbeteiligung bei der Stadtteilmodernisierung
Ideologiekritisches zum "Jahr der Obdachlosen" / Martin Henkel & Eckhard Rohrmann: Arbeit als Almosen / Wolfgang Wittich: Im Internationalen Jahr der Obdachlosen
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Herausgeber
Karl August Chasse, geb. 1948; Dr. phil., Dipl.Päd., wiss. Mitarbeiter an der Universität Trier; Studium der Philosophie, Soziologie und Pädagogik; Mitarbeiter im Forschungsprojekt »Randgruppensozialisation« (Leitung Gerd Iben); einige Jahre in der Heimerziehung tätig. Veröffentlichungen: u.a. Armut nach dem Wirtschaftswunder, Frankfurt 1988
Norbert Preußer, geb. 1946, Sozialarbeiter, Arbeitsschwerpunkte: Theorie der Sozialpolitik, Sozialgeschichte der Armut, Veröffentlichungen: Armut und Sozialstaat, 4 Bände, München, 1981-83; Tagebuch einer Fürsorgerin, Weinheim 1983; Überlebensstrategien der Armutsbevölkerung seit 1807; (ersch. Frühjahr 89)
Wolfgang Wittich, geb. 1952; Dipl.Soz.Päd. (FH); bundesweite Obdachlosenarbeit, »Soziale Brennpunktarbeit«; Sprecher des Projektbereiches Obdachlosenarbeit in der AG SPAK; Gründungs- und Vorstandsmitglied in der LAG »Soziale Brennpunkte« Bayern e.V.; Mitarbeit in Regensburger Sozialen Initiativen; Hauptinteressensgebiete: WAA-Widerstand, rechtliche Aspekte in der Obdachlosigkeit, regionale und überregionale Vernetzung von Projekten in der Obdachlosenarbeit u.v.m. Veröffentlichungen: Kellner/Wittich (Hg.): Wohnen tut not, München 1987; »Krankheit und soziale Lage« in: Th. Specht/M. Schaub/G. Schuler-Wallner (Hg.): Wohnungsnot in der Bundesrepublik, Bielefeld 1988; verschiedene Artikel in Zeitschriften zum Thema Obdachlosigkeit in der BRD

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