Lothar Sandfort: Hautnah


Lothar Sandfort: Hautnah

Artikel-Nr.: M 152
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Abstract
Dieses Reiseführers in Sachen Erotik vermeiden es, über die Welt zu jammern. Ergeben sich Probleme, so sollen sie wahrgenommen und aufgelöst werden.
Viele Behinderte leben so, als seien sie ganz normal. Sie schießen sogar über das Ziel hinaus. Weil alle Welt glaubt, unser Leben sei voller Probleme, leben sie als Gegenbild die permanente Fröhlichkeit. Bis sie in die Verlegenheit kommen, die Bettdecke aufschlagen zu müssen.
Partnerschaft und Sexualität sind die beiden Lebenserfahrungen, die der Emanzipationsbewegung Behinderter den entscheidenden Emanzipationsschub geben werden. Um das zu erreichen, genügt es nicht, an der Gesellschaft zu arbeiten, zunächst haben wir an uns selber genug zu tun.

Inhaltsverzeichnis
Eine Reise zur wunderbaren Erotik behinderter Menschen /  Ausgangspunkt / Verlust als Motivator / Die Liebe und die Seele / Erotik und Sexualität /  Behinderung und Sexualität / Die Sexualität Behinderter und die Gattung Mensch / Sexualberatung im Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISSB) / Die Anfänge /
Workshops in Trebel / Die Ausbildung / Die Spiritualität / Die Menschen in unseren Workshops / Drei Rezepte / Nahrung fürs Gemüt / Sexualität und Einrichtungen / Sex ohne Krankenschein / Sexualität und Assistenz / Toys und andere Accessoires / Ausblick / Anhang /

Autor
Lothar Sandfort ist Psychologe, querschnittgelähmt und Leiter einer Beratungsstelle im Wendland.

Siehe auch im Internet: http://www.isbbtrebel.de/

Rezensionen

Die Frankfurter Rundschau schreibt dazu am 18. Juli 2003:

Mehr Spielraum

Sich ein Sexualleben organisieren: Zwei Bücher zu Alltag und Aufbruch von sichtbar behinderten Menschen


Von Stefanie Gödeke-Kolbe
"Wir sind lieb, ein bisschen doof und leicht zu verwalten" - das Resümee zum (Still-) Stand der Integration von sichtbar behinderten und vermeintlich nichtbehinderten Menschen ist selbstreflexiv: als Aufbegehren gegen ein bloßes Dasein als kostspieliger Wirtschaftsfaktor, das Leib und Seele von vielen Menschen verkümmern lässt und in dem Sexualität als elementares Lebensbedürfnis oftmals verwehrt bleibt. Der Satz fällt im Jahr 2000 auf einer Podiumsdiskussion in Nürnberg während des Bundeskongresses "Behinderte Sexualität - Verhinderte Lust". Und sogleich fügt sich eine laut ans Publikum gerichtete Frage an: "Hat meine Mutter geglaubt, dass meine behinderte Sexualität dreckig ist?"

In einem Sammelband sind nun die Themen des Kongresses nachzulesen. Zu Wort kommen unter anderem die Sexualbegleiterin Nina de Vries und der Psychologe und Autor Lothar Sandfort, die als Begründer einer learning by doing-Institution für behinderte Menschen in Trebel erstmals in Deutschland Seminare mit dem Ziel durchführten, solche Ängste und Barrieren abzubauen. Als Initiatoren von Erotik-Seminaren zum Spektrum Tabus, Behinderung und Sexualität begegnen sie dem Dilemma behinderter und vermeintlich nichtbehinderter Menschen in der Praxis mit einem "spirituellen Ansatz", der Sex nicht auf kurze fünf Sekunden reduziert, sondern ihn en detail "erfindet". Lothar Sandforts Buch Hautnah möchte mit dem Leser "eine Reise zur Erotik behinderter Menschen" unternehmen und ist zugleich ein Ratgeber mit Tipps und Informationen zu Sexualberatung, Ausbildung und Workshops im Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISSB).

Die Situationen selbst liegen auf der Hand, auf der Straße oder sind vorstellbar: Ein Mann um die vierzig liegt wegen einer nicht erkannten Kinderlähmung querschnittsgelähmt im Bett. Er hat zwar eine Dreizimmerwohnung angemietet, wird von einem ambulanten Dienst pflegerisch betreut und kann sich allein in den Rollstuhl hieven, aber eine Freundin zu finden erscheint ihm fast aussichtslos. Hin und wieder Prostituiertendienste in Anspruch zu nehmen oder zu verkümmern scheinen die einzigen Optionen zu sein. Es folgen vergebliche Versuche, per Annonce Lebenslust statt des eigenen Lebensfrusts zu finden. Am Ende seines Kampfes, mit knapp sechzig Jahren, steht die Verordnung von anti-depressiven Medikamenten und eine wöchentlich stattfindende Therapie. Angstschweiss, Albträume, Zittern, Vereinsamungskrämpfe sind die Folgen der erzwungenen Enthaltsamkeit.

Oder eine schöne, junge, kaum 30-jährige Frau, die Sandfort in seinem Buch Hautnah porträtiert. Seit einem Reitunfall ist sie vom unteren Rippenpaar abwärts sensorisch und motorisch gelähmt. Sie verliert Urin bei Erregung und während des Geschlechtsakts, was sie stark belastet. Das unverarbeitete Folgetrauma samt der Kränkungen führen zu einer schweren Persönlichkeitskrise. Vorherrschend ist das Gefühl, ihrer Behinderung ausgeliefert zu sein, weil Ekstase, Temperament und erotische Erlebnisse eingeschränkt sind. Sie ist wohlhabend: Nach einer gelungenen Sexualtherapie in Sandforts Institut wird sie andere, neue Sexualpraktiken kennen und ihr Bad in eine Erotik-Oase umbauen lassen. Aber genau hier liegt die Ausnahme.

Denn die meisten Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen haben viel härtere Lebensbedingungen zu ertragen, die ihnen kaum Spielraum zur Gestaltung ihrer sexuellen Fantasien und sinnlichen Bedürfnisse lassen. Wie sie leben? Beherbergt in modernen Verwahranstalten. Im gesellschaftlichen Abseits durch fehlende Berufsperspektiven, geringe Entlohnung und ohne eigene Wohnung. Alt geworden in ein Altersheim abgeschoben, stupide Arbeiten in Werkstätten verrichtend. Oder in den eigenen vier Wänden außer von routiniertem Pflegepersonal kaum besucht, durch einseitige Kontakte allerhöchstens Mütterlichkeit erfahrend. Ihren Behinderungen wird nur im glücklichsten Fall durch körperbezogene Handlungsräume von außen Rechnung getragen. Diskriminierungen durch die Umwelt und durch Bilderfluten makelloser Körper in Fotografie, Internet, Fernsehen und Kino sind ständige Begleiterscheinungen. Psychosomatische Störungen, Aggressivität und Depressivität nehmen unweigerlich zu.

Das Leiden an ihrer verhinderten Lust haben viele behinderte Menschen gemeinsam. Und die Sehnsucht nach Begierde, Geilheit, sinnlichen Genüssen à deux oder nach Sex for one. Der Schmerz über den sukzessiven oder absoluten Entzug ihres Rechts auf Sexualität entfremdet sie nicht nur von sich selbst, sondern auch von denjenigen, die ihn nicht teilen.

Als Missing Link zwischen dem Recht auf Entfaltung elementarer Lebensbedürfnisse und dem gesellschaftlichen Alltag fungiert die "professionalisierte Sexualbegleitung". Sie ist ein Hauptanliegen der emanzipatorischen Behindertenbewegung und der beiden vorgestellten Sachbücher. Das umfassende Wesen der Sexualität wollen die Autoren und Sexualtherapeuten im Gegenzug zum knalligen Effektorgasmus, zur Erweiterung des gepflegten Körperkultes auf unkonventionelle Liebestechniken nutzen. Umstritten bleibt dabei die Wertigkeit der Sexualbegleitung. Ist sie ein Dienstleistungsgewerbe wie jedes andere? Mehrere Beiträge in dem von Manuela Bannasch, der Organisatorin des Behindertenkongresses, herausgegebenen Sammelband Behinderte Sexualität - Verhinderte Lust diskutieren dieses Problem.

Offensichtlich provokant finden noch immer viele Mitbürger das Aufbegehren der emanzipatorischen Behindertenbewegung unter dem Motto: "Kein Tag ohne Liebe - Begegnungen unbekannter Art". "Was, du bist homosexuell, behindert und willst Sex? Sei doch zufrieden mit der Mitternachtsshow im Ferseh-Hauptprogramm oder einem heimlich über Dritte besorgten Porno. Sieh zu, dass sie Dich nicht erwischen..."; so oder ähnlich können die Sätze aussehen, die in den Köpfen von Eltern, Verwandten und Kindern, Pädagogen und Politikern, Mitmenschen und Nachbarn festsitzen - sie geben ein Bild des bis dato moralisch Sanktionierten und in abgespaltene und sozial nicht legalisierte Sphären Bugsierten ab: Übrig bleiben die Werbeindustrie und der einseitig an verklemmten, überkommenen Riten und männlichen Gelüsten orientierte Sexmarkt. Auf diese Problematik gehen mehrere Autorinnen und Autoren ein, so der Überblick von Daniela von Raffay zur schwulen und lesbischen Behindertenbewegung, der wissenschaftliche Beitrag zur Sexualität von Thomas Mösler und das Interview Brigitta Balás mit einer Sexualbegleiterin. Der Band des Autorenkollektivs versammelt auf 250 Seiten Beiträge, Übersichten und Aufsätze. Das Themenspektrum ist groß: sexuelle Hilfsmittel, Video-Aufklärungsmaterial und Erotikverstärker, Körper-Kontakt-Service, sexualpädagogische Dienstleistung und Berufsausbildung zum Sexualbegleiter, Flirtseminare, wissenschaftliche Beiträge zu Aids, neurogenen Sexualstörungen und Impotenz, Partnervermittlung, Hospitalisierung, Therapie, Rechtsansprüchen und Sexualethik.

Beide Bücher kreisen um den Brennpunkt Prostitution als moderne Dienstleistung gegen Entgelt. Der offene Diskussionsbedarf über das, was Prostitution auf dem Weg zur Sexualassistenz innerhalb rechtlicher Rahmenbedingungen sein könnte, zeigt sich anhand der Professionalisierung einer künstlerisch-pädagogischen und erotischen Begabung bei Sexualbegleiterinnen sehr deutlich. Sex auf Krankenschein nach niederländischem und dänischem Vorbild gäbe jedenfalls dem Kommentar einer erfolgreichen Behinderten-Sexualbegleiterin, Marina, erst Sinn: "Nun bin ich mehr als nur eine Prostituierte." Dahinter steht die Erkenntnis, dass es einen ratgeberischen und supervisorischen Tätigkeitsbereich der Prostitution gibt, der sowohl von Spezialisierung als auch von einer Stammkundschaft beiderlei Geschlechts getragen werden könnte - und der offiziell als Beruf anerkannt werden sollte.


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